Stresssignale Pferd erkennen – drei Pferde im Offenstall zeigen Körpersprache

Rücken, Rumpf & Tragkraft

Ein gesunder Rücken trägt nicht nur den Sattel – er trägt Vertrauen. Tragkraft bedeutet: Dein Pferd kann dich ohne Ausweichmuster und ohne Überlastung bewegen. Nicht „mehr Muskeln um jeden Preis“, sondern intelligente Stabilität, Balance und Koordination. Genau hier beginnt Gesundheit.

Was „Tragkraft“ wirklich ist

Tragkraft ist die Fähigkeit des Bewegungsapparats, Last kontrolliert aufzunehmen und über den ganzen Körper elastisch zu verteilen.

Die Hinterhand erzeugt Schub,

der Rumpf (Brustkorb + Bauchwand + tiefe Rückenmuskeln) stabilisiert und federt,

die Vordergliedmaßen fangen ab – getragen vom thorakalen „Schultergürtel“ (ohne Schlüsselbein; der Rumpf hängt muskulär zwischen den Schulterblättern).

👉 Bildlich: Der Pferderücken ist wie eine Hängebrücke. Je besser die „Seile“ (Bänder/Faszien) und die Stabilisatoren arbeiten, desto weniger „durchhängt“ die Brücke unter dem Reiter.

Anatomie – kurz, präzise, relevant

Skelett & Gelenke: Hals- und Brustwirbelsäule tragen den langen Hebel des Halses; der lumbosakrale Übergang (Lenden–Kreuzbein) und die Sakroiliakalgelenke übertragen die Kraft der Hinterhand auf den Rumpf.

Bänder: Das Nackenband (Lig. nuchae) geht in das Überdornband (Lig. supraspinale) über – Together limitieren sie extremes Einsinken des Rückens und speichern elastische Energie. Dauerhafte Extrempositionen (z. B. starkes Überbeugen/Hyperflexion) erhöhen ungünstige Druck-/Zugspitzen.

Faszien: Die thorakolumbale Faszie verbindet Hinterhand, Becken und Rücken – sie ist ein zentrales Element für Kraftübertragung und Rumpfstabilität.

Muskeln – Tragen vs. Bewegen:

    • Stabilisatoren (tiefe Haltemuskeln): Multifidi, Transversus abdominis, innere/äußere Schrägbauchmuskeln, Serratus ventralis, tiefe Halsmuskeln – sie halten die „Brücke“.

    • Motoren (große Bewegungsmuskeln): Longissimus dorsi, Glutäen, ischiocrurale Muskulatur – sie bewegen.
      👉 Trainingseffekt: Tragkraft entsteht vor allem, wenn die Stabilisatoren zuerst und zuverlässig arbeiten.

Häufige Missverständnisse – freundlich ausgeräumt

„Kopf runter = Rücken rund“ – nicht automatisch. Entscheidend ist, dass die Basis des Halses hebt, der Kontakt elastisch bleibt und das Pferd vorwärts-abwärts sucht, ohne hinter die Senkrechte zu fallen.

Hilfszügel lösen keine Rumpfstabilität. Sie formen eine Haltung, trainieren aber nicht automatisch die Tiefe (Multifidi/Bauchwand).

„Viel reiten macht stark“ – nur, wenn Belastung progressiv und variabel ist. Monotonie und zu schnelle Steigerung erzeugen Kompensation – nicht Gesundheit.

Frühzeichen von Überlastung (bitte ernst nehmen)

Druckempfindlichkeit am Rücken, Schweifschlagen beim Gurten/Satteln, Zähneknirschen

Unwilligkeit beim Aufsitzen/Angaloppieren, „weglaufen“ unterm Sattel

Verkürzte Schritte, Taktstörungen, häufiges Umfallen in die innere Schulter

Rückgang der Topline (Muskulatur über Thorax/Lende), sichtbare Asymmetrien

➡️ Bei solchen Zeichen: Sattelpassform prüfen lassen, ggf. Tierärzt*in/Physio/Sattlerin einbinden. Training anpassen.

Trainingsprinzipien für einen tragfähigen Rücken

1) Aufwärmen – 10–15 Minuten Qualität
Aktiver Schritt am langen Zügel, große Linien, sanftes Vorwärts-Abwärts mit Nase leicht vor der Senkrechten. Ziel: Kreislauf, Faszien-Gleiten, Gelenkschmierung.

2) Aktivierung der „Brücke“ (Core/Schultergürtel)

Halt–Schritt–Halt in feiner Anlehnung, klare Lastaufnahme der Hinterhand.

Rückwärtsrichten 2–4 Schritte, dann vorwärts in Dehnung (sparsam, sauber).

Seitengänge im Schritt (Schulterherein/Travers) – exzellent für Serratus ventralis (thorakale Aufhängung).

3) Gymnastizierung & Koordination

Stangenarbeit: einzelne Stange → Reihe → Fächer/Variationen; hebt Rumpf, koordiniert Hinterhand, fördert Rhythmus.

Übergänge innerhalb der Gangart (z. B. Arbeitstrab ↔ ruhiger Trab) – Lastwechsel, ohne Eile.

Bergauf-Arbeit (Schrittarbeit am Hang) für Hinterhand/Gluteus + Rumpf – dosiert und gerade.

4) Dynamische Mobilisation (vom Boden)
Sanfte Karottenübungen (z. B. zur Gurtlage, zwischen die Karpalgelenke, zur Brust) – 3–5 Wiederholungen, 5–10 Sek. halten, ohne Zerren. Ziel: Tiefenmuskulatur anbahnen, Beweglichkeit der Wirbelsäule.

5) Progression & Regeneration
Belastung kleinschrittig steigern (Dauer/Intensität/Komplexität), Wechsel von Reit-, Boden-, Pausentagen. Anpassung passiert in der Erholung.

Haltung, Ausrüstung, Reiter*in – die stillen Game-Changer

Sattel & Gurtung: Druckspitzen vermeiden, regelmäßige Kontrolle (Pferd verändert sich!).

Hufe: Gleichmäßige, funktionelle Hufbalance = gerader „Unterbau“ für den Rücken.

Körperkondition: Übergewicht erhöht Lastspitzen und Entzündungsneigung – wir widmen dem einen eigenen Beitrag.

Reiterbalance: Symmetrie, ruhiger Oberkörper, elastische Hand. Als Orientierung werden in Studien ≈ 10–20 % des Pferdegewichts (inkl. Ausrüstung) als diskutierte Reiter*innen-Last genannt – Trainingszustand und Rückenform entscheiden mit. Kürzere, qualitativ gute Einheiten sind oft gesünder als „lange irgendwie“.

Mini-Übung (5 Minuten, großer Effekt)

„Brücke aktiv“ – an der Hand

  1. 8–10 Schritte Schulterherein im ruhigen Schritt auf der Geraden.

  2. Direkt geradeaus 10–12 Schritte in Vorwärts-Abwärts, Nase vor der Senkrechten.

  3. Halt, 2 Schritte rückwärts, wieder vor.
    → 3–4 Zyklen je Seite. Du spürst: Trägt „die Brücke“ – ohne Zug, ohne Eile.

Fazit

Tragkraft ist trainierbar – aber nur, wenn wir zuerst Stabilität & Balance anbahnen und die Last elastisch verteilen. So entsteht ein Rücken, der nicht „aushält“, sondern mitträgt: gesund, lange, gerne.

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